Depression und Brettspiele


Über Depression, eine späte Diagnose und warum Brettspiele für mich mehr sind als ein Hobby

Gefunden auf dem Gehweg, Herbst 2025.
Gefunden auf dem Gehweg, Herbst 2025.

Was man auf den Bildern nicht sieht: Ich habe jahrelang mit schweren depressiven Episoden gelebt, mit Klinikaufenthalten, Reha und Rückfällen. Auf Instagram habe ich darüber immer wieder geschrieben, meistens dann, wenn es still geworden war. Diese Texte habe ich hier zusammengeführt, weil das zu mir gehört und weil Brettspiele darin eine größere Rolle spielen, als man denkt.

Ich schreibe das nicht für Mitleid, sondern für Offenheit.
Vielleicht erkennt sich jemand ein Stück wieder.

Wo ich herkomme

Vor rund drei Jahren war ich an meinem absoluten Tiefpunkt: 64 Kilo, ständig krank, im Krankenhauscafé mit falschem Lächeln, das Immunsystem fast am Ende. Ich hatte das Gefühl, mein Leben nicht mehr zu packen, und ich habe versucht, es zu beenden. Zum Glück bin ich daran gescheitert. Irgendwie habe ich mich aufgerafft, mir Hilfe gesucht, mehrere Stationen durchlaufen und schließlich eine Reha abgeschlossen.

Krankenhauscafé, 2025. Das Lächeln war echt, aber nur für diesen Moment.
Krankenhauscafé, 2023. Das Lächeln war echt, aber nur für diesen Moment.

Danach ging es langsam bergauf. Ich habe mich Stück für Stück zurückgekämpft: wieder Sport gemacht und meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Ich habe mein Leben als Fotograf hinter mir gelassen und eine Umschulung zum Fachinformatiker angefangen. Ein Neuanfang, der mir eine neue Perspektive gegeben hat. Eine Zeit lang sah alles richtig gut aus.

Aber das Leben ist keine Gerade. Es geht rauf und runter wie auf einer Achterbahn. Und so gab es auch danach weitere Abstürze: im Sommer 2025, im Herbst, im Winter und im Frühjahr 2026. Tageskliniken, Reha und eine Nachsorge, die beendet wurde, weil man die Verantwortung nicht tragen wollte. Im Sommer 2026 habe ich meine Umschulung schließlich pausiert und bin für mehrere Wochen in eine Klinik gegangen. Dieser Schritt war notwendig, und er war richtig.

Wie es bei mir aussieht

Depression ist nicht nur traurig sein. Bei mir zeigt sie sich als Anspannung, als Lethargie, als Tage, an denen ich nur schlafen kann. Als Rückzug, der kaum auffällt. Als Phasen, in denen ich nichts esse und nichts trinke, bis mein Körper die Notbremse zieht und ich im Krankenhaus aufgepäppelt werden muss. Dazu kamen Panikattacken, so heftig, dass mein Sohn mir sagen musste, wie ich atmen soll, während meine Frau versucht hat, mich wieder runterzuholen. Solche Momente brennen sich ein.

Und ja: Depression kann gefährlich werden. Das zu schreiben fällt mir schwer, aber es wegzulassen würde es verharmlosen.

Die Diagnose, die alles erklärt hat

Jahrelang hieß es: rezidivierende Depression. Ich bekam Antidepressiva, hasste die Nebenwirkungen, das Schwitzen, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, und merkte trotzdem nie, dass es wirklich besser wurde. Im Gegenteil: Es gab Phasen, in denen ich innerlich aufgedreht und gleichzeitig am Boden war. Angetrieben und erschöpft. Keinen klaren Gedanken, aber auch keine Ruhe. Ich dachte, so fühlt sich Depression eben an.

In der Klinik im Sommer 2026 bekam ich eine andere Antwort: Ich bin bipolar. Was ich für besonders schlimme Depressionen gehalten hatte, waren zum Teil gemischte Episoden, in denen depressive und manische Symptome gleichzeitig auftreten. Die Antidepressiva wurden abgesetzt, weil sie es schlimmer gemacht hatten. Stattdessen gibt es jetzt Medikamente, die die Stimmung stabilisieren sollen.

Ich will ehrlich sein: Das war ein Schock und eine Erleichterung zugleich. Ich habe Jahre gegen einen unsichtbaren Gegner gekämpft. Jetzt hat er einen Namen. Ich habe eine Diagnose, und mit einer Diagnose kann man arbeiten.

Während ich das schreibe, im Oktober 2026, bin ich wieder im Krankenhaus. Die bisherigen Medikamente haben mir nicht so geholfen, wie ich es gebraucht hätte. Deshalb werden sie jetzt erneut umgestellt. Wieder Gruppengespräche, wieder abwarten, wie mein Körper reagiert. Aber diesmal ist etwas anders: Ich bin voller Hoffnung. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass das behandelt wird, was ich tatsächlich habe. Noch weiß ich nicht, wie gut die neue Behandlung wirken wird. Aber ich hoffe, dass sie mir endlich die Hilfe bringt, die ich brauche.

Was Antidepressiva bei Bipolarität anrichten können

Das ist kein medizinischer Rat, nur das, was ich inzwischen gelernt habe und gern früher gewusst hätte.

Eine bipolare Störung wird häufig jahrelang als „normale“ Depression behandelt, weil die depressiven Phasen auffallen und die hypomanischen nicht. Antidepressiva allein, ohne stimmungsstabilisierendes Medikament, können bei Bipolarität die Stimmung in eine (Hypo-)Manie oder in eine gemischte Episode kippen lassen; Fachleute nennen das Switch. Außerdem können sie die Abstände zwischen den Episoden verkürzen, bis hin zum sogenannten Rapid Cycling, also vier oder mehr Episoden pro Jahr (AMBOSS, Bipolare affektive Störung). Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen schreibt, dass Antidepressiva bei bipolaren Erkrankungen wegen der Gefahr von Manieinduktion und Phasenbeschleunigung nur zusammen mit Stimmungsstabilisierern und zeitlich begrenzt eingesetzt werden sollten (DGBS, Bipolare Störungen und Pharmakotherapie).

Besonders heikel sind gemischte Episoden. Die internationale Fachgesellschaft ISBD empfiehlt, Antidepressiva bei Episoden mit gemischten Merkmalen zu vermeiden, bereits verordnete Antidepressiva in gemischten Zuständen abzusetzen und Patienten nach Beginn einer antidepressiven Behandlung eng auf Anzeichen von Manie und zunehmende innere Unruhe zu beobachten (ISBD Task Force, American Journal of Psychiatry 2013). Der Grund: In einer gemischten Episode ist man gleichzeitig niedergeschlagen und angetrieben. Ein Antidepressivum kann den Antrieb weiter steigern, ohne die Hoffnungslosigkeit zu nehmen. Genau diese Kombination gilt als besonders gefährlich, weil sie Impulsivität und Suizidgedanken verstärken kann.

Rückblickend passt das zu meinen schlimmsten Phasen: zum Schwitzen und der Unruhe, zu den Panikattacken, zu dem Gefühl, dass alles verschwimmt und falsch ist. Ich sage nicht, dass die Tabletten an allem schuld waren. Aber sie haben nicht geholfen, und sie haben vieles schlimmer gemacht.

Was ich daraus mitnehme: Wenn Antidepressiva nicht wirken oder dich innerlich aufdrehen, statt zu beruhigen, wenn es Phasen gibt, in denen du kaum schläfst und trotzdem Energie hast, wenn die Stimmung schnell kippt, dann frag nach einer Abklärung auf eine bipolare Störung. Fragen kostet nichts. Und: Niemals Medikamente auf eigene Faust absetzen; ich habe das gemacht, und es ging schief. Immer mit Ärztin oder Arzt.

Was Spielen damit zu tun hat

Das verrückte Labyrinth, Klinik, Sommer 2026. Meine Tochter hat knapp gewonnen.
Das verrückte Labyrinth, Klinik, Sommer 2026. Meine Tochter hat knapp gewonnen.

Spielen hilft mir in genau diesen Momenten. Für ein paar Stunden darf alles andere verschwinden: der Druck, die Schwere, die Gedanken. Beim Spielen bin ich woanders und gleichzeitig ganz bei mir, in Welten, die leichter sind als das echte Leben. Ich merke, wo ich stehe. Ich nehme mich wahr. Und solange ich das tue, bin ich noch hier.

Skyjo aus dem Stationsregal. Abgegriffen, geliebt.
Skyjo aus dem Stationsregal. Abgegriffen, geliebt.

Das klingt groß, ist aber im Alltag sehr klein und konkret:

  • In der Klinik habe ich mir ein paar Spiele aus meiner Sammlung mitbringen lassen. Als meine Frau und meine Tochter zu Besuch waren, haben wir Das verrückte Labyrinth gespielt, das letzte Mal hatte ich das als Kind auf dem Tisch. Meine Tochter hat ganz knapp gewonnen, und es tat einfach gut. Später wollte sie Tischtennis mit mir spielen, und ich hatte die Kraft dafür.
  • Im Stationsregal lag ein abgenutztes Skyjo. Ich habe mitgespielt, wenn Mitpatienten gefragt haben. Ein einfaches Kartenspiel, das auch Nichtspieler sofort abholt, und genau das ist in so einem Umfeld verdammt viel wert.
  • Aus demselben Regal kam Palermo, eine olle Schachtel von 1992. Schlechter als das Krankenhausessen wird’s schon nicht sein, dachte ich. Am Ende habe ich eine halbe Rezension und einige Ideen für eine Überarbeitung mitgenommen. Der Kopf hatte wieder etwas zu tun.
  • Für mich war Brettspielen immer etwas Soziales, Solospiele waren undenkbar. Das Krankenhaus und viel Zeit haben mich umdenken lassen. Seit Das Vermächtnis des Yu spiele ich jeden Tag eine Partie, oft gibt es auf die Mütze, nach und nach kamen die Siege. Eine Partie am Tag ist eine Struktur, ein kleines Ziel, ein Grund, den Tisch zu decken.
Das Vermächtnis des Yu, meine tägliche Solopartie im Krankenhaus.
Das Vermächtnis des Yu, meine tägliche Solopartie im Krankenhaus.

Spiele heilen keine Depression und keine Bipolarität. Aber sie geben mir etwas, das die Krankheit mir nimmt: einen Anfang und ein Ende, klare Regeln, ein Gegenüber, ein Ergebnis, das ich selbst beeinflusse. Und oft das erste ehrliche Lachen seit Tagen. Am Spieltisch bin ich nicht nur der Mensch, dem es gerade schlecht geht – ich bin einfach ich. Für eine Weile darf die Krankheit in den Hintergrund rücken, während ich mit anderen mitfiebere, grüble und lache. Diese Momente machen nicht alles gut, aber sie bedeuten mir unglaublich viel.

Warum das kein Zufall ist

Dass mir das Spielen guttut, ist nicht nur mein Gefühl. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal BioPsychoSocial Medicine kam zu dem Ergebnis, dass Brettspiele in mehreren kontrollierten Studien depressive Symptome verringerten und die soziale Interaktion und Motivation der Teilnehmer stärkten (Nakao, 2019). In einer französischen Langzeitstudie über 20 Jahre hatten regelmäßige Brettspieler ein um 16 Prozent geringeres Risiko, eine Depression zu entwickeln (BMJ Open, 2013). Eine Studie aus Taiwan zeigte, dass zwölf Spielerunden die Depressionswerte älterer Menschen in Tagespflegeeinrichtungen messbar senkten (Social Work in Health Care, 2020).

Die Forschung ist noch jung und die Studien sind klein. Aber die Richtung passt zu dem, was ich erlebe: Spielen holt Menschen an einen Tisch, gibt dem Kopf eine Aufgabe und dem Tag eine Form. Und gerade bei einer bipolaren Erkrankung, bei der feste Tagesstrukturen und regelmäßiger Schlaf zur Behandlung gehören, ist eine verabredete Partie am Abend mehr als Freizeit.

Was hilft, und was nicht

Was oft gut gemeint ist, aber selten hilft, sind ungefragte Ratschläge. „Geh doch mal raus.“ „Probier doch mal das.“ In der Reha sagte ein Psychologe einen Satz, der mir geblieben ist: „Ungefragte Ratschläge braucht kein Mensch.“ Zuhören, da sein und fragen: „Was kann ich gerade für dich tun?“ hilft mehr als jede Lösung.

Und dann die Angehörigen. Mit jemandem zu leben, der diese Krankheit hat, ist alles andere als leicht. Gerade in den Momenten, in denen sie helfen wollen, treten wir sie ungewollt mit Füßen, nicht aus Absicht, sondern aus Überforderung und innerem Chaos. Unsere Angehörigen sind kleine Helden ohne Umhang. Ohne meine Frau wäre nichts von dem hier möglich. Für sie war diese Zeit die Hölle, und sie ist geblieben. Danke.

Wenn du also jemanden kennst, der sich zurückzieht: Frag nicht, ob alles okay ist. Bring ein Spiel mit. Setz dich hin. Bleib.

Wenn es dir gerade so geht

Du bist nicht allein, und es gibt Menschen, die sofort zuhören, anonym und kostenlos:

  • Telefonseelsorge, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, auch per Chat und Mail auf telefonseelsorge.de
  • Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: 0800 33 44 533 (Mo, Di, Do 13–17 Uhr; Mi, Fr 8:30–12:30 Uhr)
  • Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen: Informationen, Selbsthilfegruppen und Beratung auf dgbs.de
  • Bei akuter Gefahr: Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Klinik

Hilfe zu holen ist kein Scheitern. Für mich war es jedes Mal der Moment, in dem es wieder aufwärts ging.

Wo ich heute stehe

Ich sitze hier am 22.10.2026 im Krankenhaus, die neuen Tabletten machen mich morgens noch müde, und trotzdem ist da etwas, das ich lange nicht hatte: Zuversicht. Ich weiß, es wird auch wieder bergab gehen, aber sicher nicht mehr so tief, weil ich jetzt weiß, wogegen ich kämpfe. Ich freue mich auf die nächsten Spielpartien, es warten einige Spiele darauf, vorgestellt zu werden. Und zwischen Klinik, Tabletten und Sofa bleibt dieser Satz, den ich an einem guten Tag geschrieben habe und an schlechten Tagen wieder lese:

Es geht mir gut. Die Welt ist schön. Ich lebe gern.

Nicht immer stark, nicht immer hell. Aber weiter. Mein Kämpferherz gibt nicht auf.

Ein Moment, in dem ich mit mir im Reinen war. Solche Momente kommen wieder. Ich weiß es.
Ein Moment, in dem ich mit mir im Reinen war. Solche Momente kommen wieder. Ich weiß es.